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Sieben Jahre Wartezeit für eine Niere

4. Juni 2013

Zum heutigen Tag der Organspende: Nierentransplantation – wenn nur noch eines hilft / Nephrologe Dr. Gondolf gewährt Einblicke in das Leben und Leiden seiner Patienten 

Das beste Argument für eine Organspende? Da muss Dr. Klaus Gondolf nicht lange überlegen. „Dass ich mit meinem Organ jemandem helfen kann, ist für mich das beste Argument“, erklärt der Internist und Nephrologe. Für ihn ist eine Selbstverständlichkeit, was für viele seiner Patienten eine brutale Diagnose und einen Wettlauf mit dem Tod bedeutet. Dr. Gondolf ist einer der Ärzte, die am ZE:RO Dialysezentrum tagtäglich Menschen betreut, die Probleme mit ihren Nieren haben. 60 Prozent der Patienten sind aufgrund ihres Diabetes dialysepflichtig oder haben eine Nierenschädigung durch Arteriosklerose. Darüber hinaus gibt es Patienten mit immunologischen Entzündungen, erblichen oder anderen Erkrankungen. Knapp 100 der im Zentrum betreuten Menschen haben bereits eine neue Niere erhalten. Kein ungewöhnlicher Eingriff, betont der Facharzt: Alleine in Heidelberg werden rund 150 Nieren – davon übrigens 30 Prozent Lebendspenden – transplantiert, in Mannheim sind es rund 25 Eingriffe pro Jahr. Bis zu diesem Punkt haben die Menschen allerdings einen langen und schweren Weg hinter sich gebracht. Denn es sind umfassende Vorbereitungen notwendig, um sicherzustellen, dass der Patient die Transplantation unbeschadet übersteht. „Es darf keine Tumorerkrankung vorliegen, dazu kommen Untersuchungen von Herz, Lunge, Haut, Magen, Darm, Hals, Nase und Ohren“, erläutert Dr. Gondolf. Erst dann kommt man auf die Transplantationswarteliste.

Infos und Hintergrund

Dr. Klaus Gondolf (Bild), Internist und Nephrologe gehört zu den Fachärzten am ze:ro, den Dialysezentren und Gemeinschaftspraxen für Nierenerkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes mellitus in Schwetzingen, Hockenheim, Mannheim, Wiesloch, Speyer und Neustadt. 
  • Pro Tag werden in Deutschland rund elf Organe übertragen. Auf der Warteliste stehen 12.000 Menschen, drei von ihnen sterben jeden Tag. 
  • Laut „Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz“ vom 1. November 2012 muss nun jeder entscheiden, ob er spenden möchte oder nicht. 
  • Mehr Infos unter www.organpaten. de oder www.fuers-leben.de. Ak
„Es kostet schlicht Lebensjahre“ Wer dort angekommen ist, hat noch lange nicht die Ziellinie erreicht, denn dann kommt es nicht auf die Blutwerte, sondern auf die Wartezeit, Passgenauigkeit und die Blutgruppe an. „Derzeit warten unsere Patienten im Durchschnitt sieben Jahre“, bedauert der Arzt, „das ist ein ganz großes Problem“. Denn nicht nur der Wettlauf mit dem Tod steht dann mit auf der Liste, sondern auch alle anderen Faktoren wie Alter und Gesundheit. „Das kostet schlicht Lebensjahre“, weiß er. Denn gegenüber der kontinuierlichen Dialyse lautet die Botschaft für den Patienten mit Transplantat: Es geht weiter! Meistens zumindest. Das entscheidet sich nach der Operation in einem Zeitraum von rund 200 Tagen. Wenn die transplantierte Niere ihre Arbeit aufnimmt und dann keine größeren Komplikationen eintreten, sieht es gut aus. Das einzige Problem an der Sache: Es gibt zu wenige Spender. Die Diskussion um die Lebertransplantationen und gefälschte Wartelisten hat die Situation sogar noch verschlechtert. „Es gab einen Rückgang von rund 20 Prozent“, so Dr. Gondolf, „damit sind wir um zehn Jahre zurückgeworfen“. Die Gründe, so erklärt er weiter, sind – abgesehen von der archaischen Angst „ausgeräumt zu werden“ – vielfältig. „Wenn sich Angehörige eines hirntoten Patienten nicht über dessen Willen einig sind“, bemerkt er, „dann wird es schwierig, denn je länger man wartet, umso schlechter wird das Transplantat“. Dass mit einer Entscheidung, den eigenen Körper nach dem Ableben für die Organspende zur Verfügung zu stellen, eine nicht immer mit der Ratio erklärbare Angst Hand in Hand geht, kann er verstehen. „Das ist ein emotional und kulturell tief verwurzeltes Thema, denn man muss sich dann ja auch mit dem Tod auseinandersetzen“, betont er. Das wird eine umso schmerzhaftere Entscheidung für alle, wenn es sich bei dem potenziellen Spender um ein Kind handelt. Doch das Bangen ist kaum ein anderes, wenn es darum geht, ob ein anderes Kind überleben darf dank einer Organspende. Geht Deutschland nun einen gangbaren Weg, indem man sich von dem individuellen Bekenntnis zur Organspende hin zu einem bewusster Entscheidung eines jeden Einzelnen wendet? „Das ist ein großer Fortschritt, denn es gibt den Anstoß, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, so Dr. Gondolf, der nach vielen Jahren der Praxis in seinem Beruf noch immer Situationen erlebt, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes „an die Nieren gehen“. Dann, wenn Menschen den Kampf verlieren. Wenn sie sterben, ohne dass etwas geschieht. Schwetzinger Zeitung / 1. Juni 2013 (Von unserer Mitarbeiterin Anke Koob) http://www.morgenweb.de/region/schwetzinger-zeitung-hockenheimer-tageszeitung/schwetzingen/sieben-jahre-wartezeit-fur-eine-niere-1.1056692 Wir sind Organspender! Redakteure und Mitarbeiter unserer Zeitung zeigen ihren Organspendeausweis, den es übrigens in den Geschäftsstellen der Krankenkassen und im Internet zum Downloaden gibt (v. l.): Matthias Mühleisen, Carmen Protz-Carrillo, Katja Bauroth, Denise Schmidtke, Ralf Strauch, Sabine Zeuner, Andreas Wühler und Tim Kohpeiß. BILDER: KOOB